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ROOM OF SILENCE | AIRPORT BERLIN BRANDENBURG (BER)
ONE MILLION - Item 5468 | BAPTISMAL FONT

FROM October 30, 2020

Location: Room of silence, Airport Berlin Brandenburg (BER), Terminal 1, Check-in areas, Gallery, Level E2

www.berlin-airport.de


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Uli Aigner was commissioned by the GMP architect firm to do a baptismal font for the Room of Silence. Item 5468 is gilded on the inside with 12 karat gold.

"If you arrive in the check-in area of ​​Terminal 1 and admire the magic carpet by American artist Pae White, you can have a Starbucks coffee on Level 2. From here around the corner you can stop in the room of silence for relaxation, prayer, meditation, recitation of some suras or psalms. In the long corridor in front of it there are some comfortable benches where you can find a sentence by the poet Paul Valéry (1871-1945)." - Georg Maria Roers SJ

Here you will find One Million Item 5468 in center display.



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Die Würfel der Stille
von Georg Maria Roers SJ

„Wenn man sehr lange über eine Frage nachdenkt, muss man mit ziemlicher Sicherheit auf das Optimale kommen – wenn man nicht schneller entwirft, als man reflektiert.“ So räsonierte Volkwin Marg, einer der Architekten über den Flughafen Tegel (Die Zeit, 24.11.1974). 2020 wurde Tegel – ganz wörtlich – mit einer Verneigung verabschiedet. Gefühlt weinte ganz Berlin. Entwerfen hieß für Marg ordnen: „Wichtigkeiten ordnen“.„Ein Halleluja für zwei Architekten“ war die Überschrift und weiter: „Auf Anhieb Erfolg: Anfänger bauten in Tegel Deutschlands modernsten Flughafen.“ Vertrauen wir im 21. Jahrhundert der Jugend? Studien haben auch in der Medizin ergeben, man solle sich lieber von jungen Ärzten operieren lassen, weil sie die neuesten Erkenntnisse der Medizin umsetzen. Heute zählen Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg (gmp) zu den eminent architects (nachzulesen bei Ingrid von Kruse, 2011) – weltweit. Marg hat unter anderem „nach Meinung vieler Experten die schönste Stadionkapelle der Welt“ gebaut. Wo sie sich befindet? Im Olympiastadion in Berlin.

Wie passt das erfolgreiche Büro gmp zum fragwürdigen Artikel von D. Wagner „Ein Mausoleum für das Fliegen“ (DIE ZEIT, 7.11. 2020)? Auf diese Fragen finden sich Antworten in dem Buch „Der Hauptstadt-Flughafen. Politik und Missmanagement. Ein Insider berichtet“ (M. Roth). Im Rückblick klingt es wie ein Wunder. Der BER läuft seit dem Reformationstag im letzten Jahr völlig reibungslos. In dem Jahr, in dem fast alles ausfiel (Buchmessen, Art Basel, Oktoberfest, fast alle Weinfeste, Oster- und Weihnachtsmärkte), da wird der BER in Brandenburg fertig. Drei Buchstaben, die nun die ersehnten Fernreisen in Länder ermöglichen, die keine Risikogebiete mehr sind.

Ziel der Gestaltung sei eine größtmögliche Übereinstimmung von Struktur, räumlichen Zusammenhängen, Funktion und baulicher Identität am BER, so das Büro gmp. Es ging also darum, eine Formensprache zu finden, die eine funktionale und organisatorische Einheit zulässt, obwohl die Anforderungen äußert komplex waren. Bei der Anfahrt über die Autobahn nimmt man die Anlage in der Tat als einheitliches Ensemble war. Mit der Bahn braucht man dazu etwas länger, ähnlich wie beim Lehrter Bahnhof von Gerkan in Berlins Mitte. Allerdings ist auch hier nicht der Architekt zu tadeln, sondern jene Kräfte, die dafür gesorgt haben, dass die obere Gleishalle verkürzt wurde und stattdessen eine abgehängte Flachdecke „statt raumschaffender Überwölbung der unterirdischen Station“ eingezogen wurde. Die zwei wichtigen Knotenpunkte der Hauptstadt im Bahn- und Flugverkehr wurde von gmp geplant.

Das Gesamtwerk von Gerkan sprengt die Vorstellungskraft und setzt weltweit städtebaulich Maßstäbe wie zuletzt in Changzhou in China. Es ist ungewöhnlich, dass unter anderem auch die Kapelle von Hofgeismar dabei ist. Beim Entwurf hat auch J. Zais (2002) mitgewirkt. „Der bewusst zurückhaltende Bau ist Teil des ehemaligen Friedrichsbades aus dem Jahr 1770. Mit seiner Neugestaltung entstand ein kleiner, aber kraftvoller Ort der Kontemplation und der Stille. Die Beschränkung auf wenige Materialien und der Verzicht auf überflüssige Details schafft Platz für die individuelle Besinnung und das Gebet. Der Innenraum ist flächig mit Betoplan-Tafeln ausgekleidet. Im Kontrast dazu stehen die hinterleuchteten Flächen der Decke und der Fensterwand aus durchscheinendem jadefarbenen Recyclingglas. Ein Kreuz in der Altarrückwand bildet das einzige symbolhafte Element in der Kapelle, das in die Betoplan-Tafeln eingefräst wurde und so die Raumwirkung verstärkt.“

Den Wettbewerb für den BER hat gmp 1998 gewonnen. Zwei Partner von gmp wollten „Poesie reinbringen, die Aura des Orts erfassen und einen Mythos erschaffen.“ Hubert Nienhoff gilt im Büro als ‚Mr. Stadion’ und Hans Joachim Paap als ‚Mr. Airport’. Paap hat also den Hauptstadtflughafen federführend entworfen. Wie die Architekten zum Schuldigen wurden, die sie keinesfalls sind, hat man mittlerweile zu oft gelesen.

Wer mit der Bahn zum BER kommt und im Steigenberger übernachtet, findet sich in Airport City wieder. Wer im Check-in-Bereich vom Terminal 1 ankommt und den fliegenden Teppich der amerikanischen Künstlerin Pae White

bewundert kann dazu einen Kaffee von Starbucks auf der Ebene 2 trinken. Von hier aus einmal ums Eck kann man im Raum der Stille einkehren zur Erholung, zum Gebet, zur Meditation, zur Rezitation einiger Suren oder Psalmen. Im langen Gang davor stehen einige bequeme Bänke, wo sich ein Satz vom Lyriker Paul Valéry (1871-1945) findet. Allerdings nicht dieser: „Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.“

2008 hatten die gmp-Architekten ihrem Vertrag einen Zusatz beigefügt, der die Politik hätte warnen müssen. Irgendwann hatte Paap den Papp auf. Er sagte: „Nein!“ Sonst wäre der BER vermutlich immer noch nicht fertig. Er habe immer gewusst, dass alle noch so kühnen Provisorien ihr Ende finden, wenn es um den Zentralbereich des Terminals gehe. „Zwei Dinge bedrohen ständig die Welt: die Ordnung und die Unordnung,“ sagt Valéry. Mit Marg geht es wie anfangs gesagt darum, die Wichtigkeiten zu ordnen. Das ist Paap gelungen. „Die klare räumliche Disposition des 220 Meter langen Terminalgebäudes in Verbindung mit der natürlichen Belichtung schafft eine optimale Orientierung und eine hohe Aufenthaltsqualität,“ so die Pressemappe (gmp, 28.10.2020). „Darüber hinaus ist der gesamte Entwurf auf einem horizontalen Grundraster von 6,25 Metern entwickelt. Multipliziert mit 7 ergibt sich das Großmodul von 43,75 Metern, dass der Standplatzgröße eines Flugzeugs der Kategorie C entspricht.“ In Modulen zu denken, hat der Architekt Le Corbusier eingeführt. Er ist 1965 beim Baden im Meer in Roquebrune-Cap Martin an der Côte d’Azur ertrunken. In Roquebrune hatte er sich seit dem Zweiten Weltkrieg Sommer für Sommer aufgehalten, um seine Projekt zu entwickeln. Anfang der 50er Jahre „baute er sein berühmt gewordenes Cabanon nach Modulor-Maßen auf einer Grundfläche von 3,66 x 3,66 Metern.“ Mit dieser Idee lässt sich erschließen, wie sich die Räume der Stille in Stil und Machart vom Gesamtensemble des Flughafens absetzen. Es ist eine geheimnisvolle Atmosphäre entstanden. Im Außenbereich empfangen uns zwei Zeilen von Paul Valéry auf einer grau marmorierten glatt geschliffenen Wand:

Achte auf das feine, unaufhörliche Geräusch. Es ist die Stille.

Horche auf das, was man hört, wenn man nichts mehr vernimmt.

Im Englischen klingt mit den Worten ‚Chamber of Silence’ mehr Stille an als im Deutschen.


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Wer sich hier länger aufhält wird die Kraft spüren, die am Ende übrig bleibt. Sei es am Ende des Tages – wann auch immer. Die Räume sind nie geschlossen. Welcher Kirchenraum, welche Synagoge, welche Moschee kann das schon von sich sagen? Der Raum der Stille im Brandenburger Tor hat begrenzte Öffnungszeiten.

Wir sollten neu vom Bahnhof BER aus starten, um uns schon im Schreiten einzulassen auf die fünf Räume, die auf der Höhe eines Kirchturms liegen dürften. Von Airport City aus geht es Ebene für Ebene weiter. Wenn der Flughafen völlig überfüllt wäre, würden die Ankommenden fast so schnell wie ein Wasserfall abfließen über Treppen und Aufzüge. Vielleicht denken wir an den Herkules mit seinen Kaskaden in Kassel-Wilhelmshöhe um 1900 errichtet. Wer so geleitet wird, kann seine Reise zu Lande bald fortsetzen. Wer aufsteigt muss einige Treppen überwinden. Es mag kein so kühner Aufstieg sein wie zur Schau des Schönen.

Im „Symposion“ bei Platon findet sich dazu die entsprechende Eroslehre der Diotima. Um Formen des Unsterblichkeitsstrebens geht es den Menschen aber damals wie heute. Vielleicht fällt es leichter sich im ländlichen Brandenburg in die römische Innenstadt zu versetzen? Wer hat nicht schon an der Fontana della Barcaccia in Rom auf dem Platz vor der spanischen Treppe gestanden, um die Kirche Santissima Trinità dei Monti zu bewundern? Diese kleine Zeitreise sei gestattet, um den Raum der Stille im neuen Terminal 1 auf dem Flughafengelände des BER beschwingt zu betreten. Die Treppen in Rom vermitteln uns ein „Treppengefühl“ der Antike wie es in einschlägigen Reiseführern heißt. Welches Gefühl haben wir auf dem BER mit all den Treppen? Wie gesagt, die beiden Räume der Stille liegen in luftiger Höhe. Wer höher steigt, der beobachtet auf der Besucherterrasse die aufsteigenden Flieger.

„Wenn man auf einfache ländliche Verhältnisse zurückgeht und sich insbesondere die antike Welt vor Augen hält, so gibt es dort eine solche gemeinsame Mitte des Hauses. Das ist schon im ganz wörtlichen Sinn verstanden der Herd, der damals in der Mitte des Hauses stand und der damals noch eine unmittelbare sakrale Bedeutung hatte, der Herd als Altar, und der auch heute noch einen gewissen Rest dieser sakralen Bedeutung behalten hat.“ In seinem Text ‚Der bergende Raum’ (1962) von Otto Friedrich Bollnow wird auch Schiller zitiert, der von „des Herdes Heiligtum“ sprach. Übertragen wir diese Erfahrung auf die Ebene 2 im BER im Terminal 1 so finden wir hier nicht nur das Café (Herd), sondern auch die Sakralräume (Altar). Sie liegen verblüffender Weise nicht nur zentral, sondern auch in unmittelbarer Nachbarschaft.

Wir betreten die Räume der Stille. Große Vorhallen alter Kirchen nennt man Paradies.

Im Entree lesen wir stehend das Wort Stille in mehreren Sprachen. Wir schauen in zwei Vorräume, die den Modulor-Maßen a la Corbusier (3,66 x 3,66 m) zu entsprechen scheinen. Auf das nussbaumvertäfelte Terminal 1 folgt hier dänischer Klinker. Er ist nicht schneeweiß wie in der Grundtvig´s Kirche (erbaut 1913-40) in Kopenhagen, sondern erdig und kernig. Dieses Material wirkt wohltuend auf die Seele und zeitlos. Jeder Ziegel ist das Resultat hoher Handwerkskunst und mit einem Fingerabdruck ‚gesiegelt’ wie ein Brief aus längst vergangener Zeit. Im Inneren ist über den fünf Räumen jeweils eine Pyramide aufgeschichtet. Die offenen horizontalen Fugen der Gewölbedecke bilden ein Lichtgewölbe aus Ziegeln. Es fällt ein mildes Licht in den Raum das zusammen mit dem Mauerwerksziegel eine Umgebung innerer Einkehr schafft. Befindet man sich in einem Zelt in der Wüste? Ein Außen gibt es nicht, denn der Bau ist als Haus im Haus eingelassen in einen Industriebau der trotz seiner beeindruckenden Größe besucherfreundlich ist. Immer noch im Entree finden wir auf der rechten Seite einen Kubus reiner Leere in dem sich nur ein Zeichen an der Wand findet wie ein Menetekel: das Quadrat. Die Entwicklung der Quadraträume folgt der Fibonachi Spirale (Schnecke in umgekehrter Reihenfolge, vom Kleinen zum Großen), so der Architekt Paap. Die Kuben, die Würfel, die wir begeben, werden angekündigt. Wie spielt uns das Schicksal mit? Zur Linken wird Licht von einer goldenen Schale reflektiert, die die Künstlerin Uli Aigner geschaffen hat. Ihr Sprechen über Kunst legt die Erfahrung von Jahrzehnten zugrunde. „Glaube ist wie Kunst: eine Setzung, an der man sein Handeln orientiert und organisiert.“ Zur Taufschale gehört ein innen vergoldeter Taufbecher. Außerdem sind die Vasa Sacra von der Hand Aigners geformt. Ihrem Projekt EINE MILLION liegt das Versprechen von 2014 zugrunde, so viele Stücke wie möglich aus Porzellan mit ihren eigenen Händen zu drehen – bis sie stirbt. Die Kunst wird zur Lebensaufgabe. Das Porzellan wie der Ziegel wird im Brennprozess veredelt. Alles harmoniert aufs Beste. Hier das feine weiße Porzellan, dort der grobe tiefbraune Ziegel. Man betritt irgendwie lehmigen Boden, Terra incognita. Die Variation dieser Steine mit einheitlichem Maß ist verblüffend, weil keiner dem anderen gleicht. In fast allen Kulturen und Religionen sind Steine Teil ritueller Handlungen.

Die schwere des Materials wird elegant aufgehoben. Vor allem durch das geleitete Licht in den Fugen am Boden und im Gewölbe. Die kleinen Räume bekommen ungeahnte Weite. Die archaische Materialität und die architektonische Ausbildung der präzisen geometrischen Form des Raumes erzeugen, so schreibt gmp, eine wirkungsstarke Ausdrucksform von hoher poetischer Intensität die sowohl den Geist als auch die Seele anspricht. Man scheint zu schweben, würde ein Mystiker sagen, so wie ein Flugzeug kurz vorm Abheben. Die Kapelle ist ausgestattet mit Altar und Ambo und schlichten Stühlen. Bei der Konzeption hat Kerstin Bandekow mitgewirkt. Metallgestelle tragen sie wie die Taufschale. Altar und Ambo sind überformt von einer gewalzten Bronze, jener Legierung aus Kupfer und Zinn also, die der Mensch als erste von den Metallen erfand. Die Flächen erhalten mit der Zeit eine schöne Patina. Das Material spiegelt einen theologischen Gedanken. Das biblische Wort verändert sich in der Verkündigung und der Leib Jesu wird immer wieder neu gebrochen wie Brot. Die Teilbarkeit und Fruchtbarkeit, die Solidarität untereinander und darüber hinaus gehört zum Wesen des Christentums. Im Brotbrechen beim Pesach gilt es entsprechend im Judentum.

Auf den Stühlen, in Baubronze von Enzo Berti gestaltet, mag man seinen eigenen Gedanken nachgehen. Bei Feueralarm gibt es für die größeren Räume (fast 5x5x5 m) jeweils Notausgänge. Nun haben wir die Siebenzahl erreicht. Eine heilige Zahl. Alle übrigen fünf Räume werden durch einen Okulus in der Decke (80x80 cm) beleuchtet. Im größeren Raum zur Linken leuchtet das eingelassene Lichtkreuz durch Weglassung der Ziegel. In der Raummitte zur Rechten findet sich außer den Stühlen noch eine Windrose (80x80 cm) im Boden eingelassen und aus Bronze wie alle Schriften und Zeichen hier. So kann sich ein Muslim wie gewohnt im Gebet gen Osten ausrichten und seinen Gebetsteppich entsprechend ausrichten. Das wird dann allerdings kein fliegender roter Teppich sein wie im Terminal 1. Die Grande Tour beginnt so oder so von nun an immer im BER, vielleicht zuweilen im Raum der Stille.