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ONE MILLION - EDITION NIKOLAI VOGEL
»GROßE UNGEORDNETE AUFZÄHLUNG (DETAIL)«

Seit 6. September 2022

-> www.nikolaivogel.com
-> PDF hier ansehen (Deutsch)
-> Edition 1
-> Edition 2


ein Gefäß, Schluck, Inhalt, nicht zu voll, die Leere vermeiden, angelegte Lippen, die Flüssigkeit, über den Rand, Handhabung eines Behältnisses, Volumen,


Nikolai Vogels Text »Große ungeordnete Aufzählung« wird laufend fortgeschrieben und Details daraus werden an verschiedenen Orten veröffentlicht: In Büchern, in Zeitschriften, aber auch in Kunstinstallationen und akustischen Settings. Die »Große ungeordnete Aufzählung« ist eine sich immer wieder verlierende und neu findende Weltbestandsaufnahme in verschiedensten Details, changierend zwischen Subjekt und Objekt, Lyrik und Prosa, Literatur und Skulptur, Original und Kopie. Die »Große ungeordnete Aufzählung« gibt es immer nur in Details! Das Ganze ist Fiktion.

Nun ist ein Detail aus diesem Text als Edition innerhalb von Uli Aigners »One Million«-Projekt erstveröffentlicht – und zwar auf Porzellan, auf zunächst zehn Gefäßen, die alle zusammen oder auch einzeln erworben werden können. Es gibt Becher, Schalen, eine Vase, einen Krug – die Größen sind nicht zu klein, nicht zu groß, nicht zu flach nicht zu tief, eine Art Äquilibrium von Formen und Möglichkeiten. Auch lässt sich damit der Bedarf von Gefäßen eines Zweipersonenhaushalts abdecken, nur mit diesen zehn Gefäßen und ihren vielen Verwendungsmöglichkeiten. Zwei Teller kommen als eigenes, weiteres Detail noch hinzu und machen das Dutzend komplett. Stücke, mit denen man lebt, die man vor Augen hat, in die Hand nimmt, bewegt und an die Lippen setzt, und hier eben auch als Literatur, die offen ist, die der Imagination Platz lässt für Einschübe, Exemplifizierung und Eigenerlebtes.

Seit 2014 ist jedes der chronologisch nummerierten, von Uli Aigners Händen gedrehten ONE MILLION Porzellangefäßen die Erinnerung an die Begegnungen mit einer Person, einer Organisation oder einer Institution, die mit ihr in Verbindung getreten ist. Jedes Gefäß ist Teil eines permanent und unkontrollierbar sich vergrößernden Ganzen. Jedes Objekt wird an seinem jeweiligen Standort auf einer digitalen Weltkarte abgebildet und unter www.eine-million.com/de/map verzeichnet. Alle Besitzer!nnen der Gefäße werden so Teil dieser globalen Erzählung. Es entsteht ein digitaler Eisberg mit einer Spitze aus Porzellan, global sich herumtreibend, hybrid und verbindend, außer Kontrolle und autonom. Jedes Gefäß hat 500 Jahre Garantie. Beschädigte Gefäße werden gegen neue eingetauscht, wenn sie zu ihr zurückgebracht werden. Ein langsam sich anreicherndes Archiv von gebliebenen oder zurückgekehrten Porzellanen entsteht.

»One Million« von Uli Aigner und die »Große ungeordnete Aufzählung« von Nikolai Vogel sind beides in ihrer eigenen Art weltumspannende Projekte, aber ganz ohne Großmachtgedanken und dafür mit einer Offenheit, die die Unabschließbarkeit immer mitdenkt und ihre Benutzer!nnen und Betrachter!nnen ernst nimmt und einbezieht und ihre Freiheit sichtbar werden lassen will.


Zwei Wochen mit zwölf Porzellangefäßen

TAG 1 - Mittwoch, 29.06.2022

Mittags. Es klingelt. Zwei große Pakete. Wunderbar verpackt. Plastikfrei. Silke und ich packen aus. Wie Weihnachten. Zehn Gefäße »Große ungeordnete Aufzählung (Detail)« aus dem Projekt »One Million by Uli Aigner«. Handgedrehtes Porzellan. Und eine zweite Edition mit zwei Tellern, ebenfalls »Große ungeordnete Aufzählung (Detail)«. Wir spülen und trocknen jedes Gefäß. Sie werden auf unseren großen Holztisch in der Küche gestellt. Fototermin. Dann öffnen wir eine Flasche guten Prosecco. Die ersten beiden Gefäße werden eingeweiht. »Handhabung eines Behältnisses,« und »angelegte Lippen,«. Ungewohnt, nicht aus dem Glas, Sektglas, aber es schmeckt. Das Porzellan hält die Flüssigkeit schön kalt. Wir haben noch nichts gegessen und mussten erst einmal einkaufen. Rührei mit Petersilie. Die Teller »Grundlage, Gesellschaft,« und »die Ebene, eine Möglichkeit,« sehen gut aus. So eine Lust zu essen!

Bei unserem Obststand gab es heute noch einmal Spargel im Angebot, wir dachten eigentlich mit dem Spargel für dieses Jahr schon abgeschlossen zu haben, aber nun kommt er aufs Porzellan. Nur mit Olivenöl und Parmesan. Danach gibt es noch Kapernäpfel, mit Frischkäse gefüllte kleine Peperoni, Brot, Käse. Ein Glas, nein, einen Becher Weißwein zum Spargel, dann Rotwein. In der Karaffe »Volumen« kaltes Wasser. Alle zwölf Gefäße werden eingeweiht.

Mit Uli Aigner machte ich aus, dass Silke und ich dieses Geschirr, diese zwölf Stücke für zwei Wochen exklusiv benutzen – also, so weit wir zu Hause sind – aus keinem anderen essen und trinken. Nachts habe ich immer ein Glas Wasser neben dem Bett, und erst bin ich versucht, das so zu belassen, will nicht etwa das neue Porzellangefäß im Dunkeln umstoßen, aber dann denke ich, ach, so ist es eben. Das Glas kommt in die Küche, wird aufgeräumt. Das Wasser steht nun in »ein Gefäß,« (6660).

TAG 2 - donnerstag, 30.06.2022

Nach dem Aufstehen erstmals Kaffee! Heute sehe ich mir »ein Gefäß,« (6660) näher an. Es hat eine schöne Größe für Kaffee – wenn man viel Kaffee trinkt – und auch für Wasser, da muss man nicht gleich wieder rennen und neues holen, wenn man ein paar Schlucke getrunken hat. Es steht jetzt mit Kaffee zwischen mir und dem Laptop, während ich dies schreibe. Von oben hineingesehen ist es nicht ganz rund, sondern schön leicht unregelmäßig, ein Oval mit kleinen Buchten. Die Worte »ein Gefäß,« stehen darin wie eine Aussage, eine Feststellung, aber auch wie eine Frage oder eine Aufforderung, sich mit dem zu beschäftigen, was Inhalt schafft. Und das Komma ermuntert zum Weiterdenken. Es lässt sich gut mit einer Hand nehmen, und beispielsweise, wenn man kalte Hände hat, auch mit beiden umfassen und an die Lippen führen. Außen kleine Rippen oder Riffel, die es haptisch interessant machen. Der Kaffee schmeckt mir gut.

Sonst im Angebot des Tages: Kuchen auf »die Ebene, eine Möglichkeit,«. Aprikosen aus »Inhalt,«. Mozzarella mit Tomaten und Basilikum auf »Grundlage, Gesellschaft,«. Und »ein Gefäß,« wird abends und nachts wieder zum Wasserglas.

TAG 3 - freitag, 01.07.2022

Zum Frühstück Porridge mit Honig im Gefäß »Schluck,« (6661). Eine schöne Form, Schale, Schüssel oder Tasse. Schüssel und Tasse! Oben ein wenig nach außen geneigt, eine Art kleine Lippe. Porridge wird wie Kleister, wenn es mal trocken ist, daher spüle ich »Schluck,« gleich, nachdem ich fertig gegessen habe, und beschließe ihn nun als Tasse zu nehmen. Ich schenke Kaffee ein. Tragen kann man ihn, indem man ihn mit beiden Händen umfasst, oder auch mit einer, von oben, die Finger wie eine Kralle. Der Kaffee schmeckt gut daraus, ich trinke langsam. Ein schönes Gefäß, etwa um einen großen Milchkaffee zu schlürfen. Ich trinke ihn schwarz. Auch Tee müsste sehr gut daraus schmecken, denke ich. Und auch die Farbe kommt vor dem Weiß des Porzellans gut zur Geltung. Im Moment habe ich keine Lust auf Tee, aber im Winter bestimmt wieder. Dieses Gefäß ist ein Allrounder. Es lässt sich daraus trinken, Suppe essen oder Joghurt. Auch als kleine Schale für Obst oder Antipasti ist »Schluck,« gut geeignet.

Tags essen wir Salat aus »Inhalt,« und »die Flüssigkeit,« Abends Spiegeleier auf Leberkäse auf den Tellern »Grundlage, Gesellschaft,« und »die Ebene, eine Möglichkeit,«. Dann noch etwas Wein aus »angelegte Lippen,« und zuletzt sogar noch einen Grappa, ebenfalls aus »angelegte Lippen,«.

TAG 4 - samstag, 02.07.2022

Nach einem Regentag ist die Sonne wieder da, und wir haben eine kleine Wassermelone im Kühlschrank. Ich lege sie in »Inhalt,« (6662). Dann nehme ich sie noch mal raus, schneide sie auf einem Holzbrett. Ein Stück kommt wieder rein. Sieht gut aus. Silke und ich essen die ganze Wassermelone, sie aus »die Flüssigkeit,«. Auf dem Balkon interessiert sich auch eine Wespe dafür. »Inhalt,« ist von der Form eine klassische Suppenschüssel, aber Suppe esse ich nicht so oft. Der Text lässt sich von außen in Spiegelschrift lesen, fällt mir auf – auch bei anderen der Gefäße ist das der Fall.

Meinen Kaffee trinke ich wieder aus »Inhalt, ». Mehr aus der Serie werde ich heute nicht verwenden, denn gleich nachdem ich das hier getippt habe, es ist jetzt mittags, fahren wir weg und bleiben über Nacht.

TAG 5 - SONNTAG, 03.07.2022

Wir kamen erst gegen acht Uhr abends heim, nach einem heißen Tag mit um die 30 Grad. Verschwitzt, Durst, Dusche. Auf dem Balkon Bier. Ich trinke das gerne aus der Flasche. Heute nicht. Heute aus »nicht zu voll,« (6663) – wie ein Kommentar. Helles, Vollbier. Die Flüssigkeit, der Schaum. So eingeschenkt, dass die Schrift im Innenrand gerade noch zu lesen ist. Das zweite »l« von »voll« gefällt mir, es ist länger gezogen und dabei dünner, fast zu übersehen, sodass auch »vol« zu lesen ist, also die Abkürzung von Volumen – wie ja ein anderes Gefäß in der Serie heißt, nämlich die Karaffe. Das Bier schmeckt. Alle Getränke bisher schmecken erstaunlich gut aus dem Porzellan. Heißes bleibt heiß, Kaltes bleibt kalt. Nach dem Bier Wasser. Nach dem Wasser Wein. Ein Abend »nicht zu voll,« – das Ende einer Woche. Der Becher hoch, oben weiter geöffnet. Was in ein Gefäß passt und wie es sich leert. Meditation über das Zuviel und das Zuwenig und dass das Geraderichtig immer nur Momentaufnahme sein kann, Moment der Zufriedenheit, Moment des Glücks, Moment des Gleichgewichts.

Und auf dem Balkon gab es noch Salat mit Schafskäse aus »die Flüssigkeit,«. Jetzt, wo ich das schreibe, ist es kurz nach Mitternacht. Einen Schluck Wein noch, und morgen das Augenmerk auf das nächste Gefäß.

TAG 6 - MONTAG, 04.07.2022

Heute kommt Kilian zum Frühstück vorbei. Er trinkt seinen Kaffee aus »über den Rand«, ich aus »nicht zu voll«. Und ich nehme mich heute im Besonderen der Schale »die Leere vermeiden,« (6664) an. Eierbecher sind nicht in der Serie. Also erfinde ich einen Behelf. Ich lege eine Breze in die Schale und stelle das weichgekochte Ei in eines der von der Breze gebildeten Löcher. Perfekt. Die Schale wird so zum Frühstücksteller. Kilian tut es mir mit der Tellerschüssel oder dem Schüsselteller »die Flüssigkeit,« gleich. Verwendet hatten Silke und ich die Schale »die Leere vermeiden,« ja auch schon für Aprikosen und für mit Frischkäse gefüllte Paprika. Auch für andere Antipasti, wie Oliven, eignet sie sich hervorragend. Abends koche ich mit Silke Artischocken. Der Dip aus Avocado und Zitrone kommt ebenfalls in »die Leere vermeiden,« und passt perfekt hinein. Wir essen auf dem Balkon. Einen guten Verdicchio gibt es dazu aus »angelegte Lippen,« und »Handhabung eines Behältnisses,«. Wir tunken die Avocadoblätter in den Dip. Der gewölbte Rand dieser Schale im Übergang nach außen lässt das, was zu viel darauf ist und runter fallen würde, gut abstreifen. Der gewölbte Rand, der in den Umraum dieses Behältnisses greift – »die Leere vermeiden, », als vermeide der Rand, Rand zu sein. Ein exzentrisches Gefäß. Und am Abend die Rosinensemmel, die vom Frühstück übrig geblieben ist, macht sich auch sehr gut darin.

TAG 7 - DIENSTAG, 05.07.2022

Schon nachts hatte ich »angelegte Lippen,« mit Wasser neben dem Bett. Nun nehme ich sie für Kaffee. Dieses Gefäß hatte ich die vergangenen Tage bevorzugt für Rot- und Weißwein verwendet. Ich freue mich auch schon auf Tee daraus. Das breit geschwungene Gefäß auf schlankerem Fuß könnte auch für Nachtisch gereicht werden, für Dinge, die man mit kleinem Löffel zu sich nimmt. Aber bisher habe ich nur daraus getrunken – und die Lippen lassen sich gut anlegen. Das Gefäß selbst bildet am Rand eine leicht nach außen gewölbte Lippe.

Mittags essen wir Salat aus »die Flüssigkeit,« und »Inhalt,«. Abends sind wir heute aus. Das Geschirr hat frei.

TAG 8 - mittwoch, 06.07.2022

»die Flüssigkeit,« (6666) ist heute an der Reihe. Es ist schon eher mittags als morgens, als ich mir ein Croissant hole und es auf diesen Teller lege, der genau die Wage zwischen Teller und Schüssel hält. So mit einem Croissant darauf scheint die Schrift Anregung zu sein, nicht das Trinken zum Essen zu vergessen, und für meinen Kaffee habe ich wieder »ein Gefäß,«. – Nachmittags gibt es ein Spiegelei, fürs Foto erst mal nur eines, auf Silkes Teller »die Ebene, eine Möglichkeit,« lege ich derweil drei. Und anschließend noch eine Käsesemmel. Sie liegt darin, als gehöre sie genau dort hin. Die Flüssigkeit nicht vergessen, die gibt es aus »ein Gefäß,« dazu. Kaffee und Wasser.

TAG 9 - donnerstag, 07.07.2022

Der Tag beginnt mit Kaffee, wie so oft, »über den Rand,« (6667) steht in der Tasse. Oder dem Becher. Dem Gefäß eben. Dieses fiel uns gleich besonders ins Auge. Es ist sehr unregelmäßig geformt, und da, wo das Wort »Rand« steht, scheint dieser nach außen zu kippen. Ein Gefäß mit Mulden, in die man gut greifen kann und die eine besondere Haptik ergeben – fast wie ein Handschmeichler. Auch Rotwein habe ich schon daraus getrunken und Wasser. Schenkt man es etwa bis zur Hälfte voll, bildet die Oberfläche von oben gesehen keinen Kreis, auch kein Oval, sondern ein Trapez, das sich die Tasse weiter hinauf immer mehr der Kreisform annähert. Ein Gefäß mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Die Flüssigkeit fließt entweder steiler oder flacher zum Mund, beim Wort »Rand« muss sie innen quasi erst mal über eine Art Lippe fließen und fächert sich dann auf – Wein bekommt so mehr Luft, heißer Kaffee wird durch die größere Oberfläche hier ein wenig abgekühlt. Also ein Gefäß zum langsamen, vorsichtigen Nippen an einer Stelle und zum größere und schnellere Schlucke nehmen an einer anderen. Ein extravagantes Stück, das erst seltsam anmutet und dann immer besonderer wird. Auch Kilian suchte es sich am Montag gleich aus. Ein Gefäß, das über den Rand nachdenken lässt – und über den Rand fließt jeder Schluck, den ich daraus zu mir nehme.

TAG 10 - freitag, 08.07.2022

Kaffee! Heute geht es um die »Handhabung eines Behältnisses,« (6668) ein hoher Becher, unten schmal, nach oben breiter werdend. Ihn hat Silke die Tage schon gerne und viel verwendet, hat vor allem Wasser daraus getrunken. Ich habe ihn gestern schon für ein alkoholfreies Weißbier benutzt, und der weiße Schaum machte sich gut in dem weißen Gefäß. Jetzt handhabe ich es mit Kaffee. Das Wort »Behältnisses« und das anschließende Komma, steigen vertikal von unten nach oben, ahmen so auch die Handbewegung nach, wenn man den Becher anhebt. Das Behältnis funktioniert vertikal, hat Tiefe. Und die horizontale, kreisförmige Oberfläche der Flüssigkeit darin sinkt mit jedem Schluck ab – und im Fall des Kaffees mit ein bisschen Satz, gibt erst der letzte Schluck das »B« von »Behältnisses« frei. Nachdem ich es geleert habe, handhabe ich es auch beim Spülen. Das Gefäß und die Handhabe. Die Hand, die es zum Mund führt. Die Hand, die genau weiß wie weit und die auch weiß, welche Neigung es braucht, damit die Flüssigkeit in den Mund fließt und nicht auch an ihm vorbei. Die Hand, die das Trinktempo bestimmt. Die Flüssigkeit, die zwischen Hand und Mund in Bewegung ist. Das Gefäß, das dann eine Verbindung zwischen Hand und Mund herstellt. Die angelegten Lippen und die Flüssigkeit, die über den Rand des Gefäßes fließt. Das Einschenken, das meist viel schneller vor sich geht, als das Leeren. Es sei denn, man schüttet etwas weg. Stehengelassenes, das nicht mehr frisch scheint oder nicht mehr warm oder nicht mehr kühl genug. Die vielen Bewegungen, die so ein Gefäß im Laufe seiner Handhabung mitmacht. Und dass es die meiste Zeit dasteht und seinen Inhalt bewahrt oder darauf wartet, ihn neu aufzunehmen. Und wie viel da mit der Zeit zusammenkommt.

TAG 11 - samstag, 09.07.2022

»Volumen,« (6669) ist das größte Gefäß der Serie und bildet den Abschluss der ersten Folge der »Großen ungeordneten Aufzählung (Detail)« in Uli Aigners One Million. Eine leicht bauchige Karaffe mit zwei gegenüberliegenden Ausgüssen. Wir essen in der Küche und da ist der Wasserhahn nah – so haben wir »Volumen,« noch nicht viel benutzt. Ich denke, es ist schön, wenn wir Gäste zum Essen haben, so als Wasserkaraffe auf dem Tisch. Natürlich könnte es auch Saft oder Wein beinhalten, aber wir werden es wohl vorwiegend für Wasser benutzen. Ich fülle es voll, bis kurz unter den Rand – und schütte den Inhalt anschließend in den Messbecher. Das Gefäß ist schwer – und mit Inhalt noch schwerer, ich greife es mit beiden Händen. Ich probiere beide Ausgüsse aus. Es sollte langsam ausgeschenkt werden, damit die Flüssigkeit nicht zu viel wird für die schlanken Schnäbel. Muss es schneller gehen, kann natürlich auch an einer anderen Stelle einfach über den Rand ausgegossen werden, ohne einen der Schnäbel zu benutzen. Aber langsam ausgeschenkt gibt es dem Vorgang mehr Gewicht, mehr Achtung, mehr Achtsamkeit. Ein Liter ist es ziemlich genau – damit lässt sich auch gut abschätzen, wie viel Wasser oder Wein getrunken wurde über einen Tag oder in einer Abendrunde. Ich fülle die Karaffe wieder. Ein Liter. Ich umfasse ihn, während ich ihn in »ein Gefäß, » zu schütten beginne und das »Volumen,« wieder absetze, sobald »ein Gefäß,« voll ist. Das Wasser macht ein lebendiges Plätschergeräusch, während des Einschenkens. Das Wasser legt einen Weg zurück. Vom »Volumen,« in »ein Gefäß,« und von »ein Gefäß,« in meinen Mund, in meinen Körper. Es schmeckt schön frisch, es stand nicht lange.

TAG 12 - sonntag, 10.07.2022

Als Uli Aigner für One Million die zehn Stücke zu »Große ungeordnete Aufzählung (Detail)« machte, mailte sie mir »also ich bin jetzt SEHR zufrieden mit den Gefässen. Und warten wir ab, wie sie aus dem Brand kommen … Es sieht so aus, als könnte man den gesamten Bedarf von Gefäßen eines 2 Personen Haushalt gut abdecken, nur mit diesen 10 Gefäßen und ihren vielen Verwendungsmöglichkeiten … es gibt Teller Becher Schale Vase Krug … die Größen sind nicht zu klein, nicht zu groß, nicht zu flach nicht zu tief, eine Art Equilibrum von Formen und Möglichkeiten.« Wir machten dann aus, dass Silke und ich, sobald wir sie haben würden, zwei Wochen zum Essen und Trinken zu Hause nur diese Gefäße verwenden würden, und ich überlegte mir das und schrieb ihr »ich habe nachgedacht. Die Teller sind ja vielleicht wohl ein eher westliches oder neumodischeres Bedürfnis. Eingebürgert. Eine Erweiterung. Aber ich möchte sie nicht unbedingt missen – ich mag Teller! Und würde das aber als eigenes Detail betrachten, als zusätzliche zwei Teller. Also die Idee wäre, dass die dann später bald, wenn Du es auch gut findest, dazu kommen, aber so, dass klar wird, dass sie nicht zur ersten Edition gehören, sondern quasi ein Fortschreiben sind. (Und ja dann auch durch die Nummern schon ein Stück weit später und nicht direkt angeschlossen.)« Und ich schickte ihr also ein neues Detail meiner »Großen ungeordneten Aufzählung« für zwei Teller, diesmal so, dass auf jedem zwei Aufzählungspartikel, also zwei Kommata sind. (In der Erstausgabe haben wir hier ein Errata, da fehlt jeweils das Komma am Ende). Uli machte die beiden Teller – und es waren nun also insgesamt ein Dutzend Stücke, die sie dann zu mir schickte. Soweit die Vorrede zum heutigen Tag. Wir waren über Nacht weg und kamen Sonntags gegen 11 Uhr heim. Zeit für ein spätes Frühstück. Und ich schaue mir den Teller »Grundlage, Gesellschaft,« (6765) nochmal genauer an. Eine gute Größe, ein deutlicher Rand, sodass nicht so leicht etwas runterrutscht. Rührei mit Prosecco und Petersilie, eine Scheibe Brot an den Rand. Grundlage, etwas in den Magen. Gesellschaft, ich esse mit Silke. Essen als Kommunikation, Menschen kommen zusammen. Der Mund isst, der Mund spricht, Augen schauen sich an.

TAG 13 - montag, 11.07.2022

Heute ist wieder Kilian zum Brunch da – und da ich mir nun das zwölfte und letzte Gefäß genauer anschaue, dachte ich, ich will etwas machen, was es so vielleicht noch nicht gab. Wir hatten aus Italien noch ein Päckchen Tramizzini-Brot. Darauf legte ich je eine Kugel Büffelmozzarella und dann zwei pochierte Eier daneben. Olivenöl, Balsamico, Salz und Pfeffer, fertig. Das sah sehr gut aus auf »die Ebene, eine Möglichkeit,« (6766). Kilian bekam das gleiche auf »Grundlage, Gesellschaft,«. Leider war der Mozzarella, obwohl noch etliche Tage Mindesthaltbarkeitsdatum, schon etwas sauer, sodass ich nicht alles davon aß. Ansonsten ein tolles Frühstück. Der Teller »die Ebene, eine Möglichkeit,« ist ebenfalls rund und flach und hat dabei einen nicht ganz so ausgeprägten Rand wie »Grundlage, Gesellschaft,«. Ich sitze davor, jetzt gerade, wo ich das hier tippe. Eine Ebene für die Nahrung, ob Brot oder etwas, wozu Messer und Gabel benutzt werden, eine Möglichkeit, so vieles zu probieren. Ein Teller, der einen definierten Raum aufmacht. Gerade vorhin habe ich davon noch einen Tomaten-Paprika-Gurken-Salat gegessen. Jetzt ist er gespült und leer und bietet Platz für die Vorstellung, für die Vorfreude auf das Nächste. Die Lust auf gutes Essen und gute Gespräche.

TAG 14 - dienstag, 12.07.2022

Schon der letzte Tag der zwei Wochen. Wir kennen das Geschirr nun, wir sind vertraut damit. Sehr schön war, dass die zwölf Stücke die ganze Zeit einfach bei uns auf dem Esstisch standen – auch weil wir noch nicht wissen, wohin wir sie sonst räumen können, die paar Küchenschränke und Fächer, die wir haben, sind gefüllt – und so nahmen wir am Tisch einfach jeweils, was wir brauchten, worauf wir Lust hatten, eigentlich eine schöne Art, das alles präsent zu halten und nicht nur das auf dem Tisch zu haben, was gerade benutzt wird. Die zwei Wochen waren so auch eine der Kombinatorik, der freien Wahl, des Spiels. Jetzt am Abend machen Silke und ich dann gleich noch ein Essen. Als Antipasti schön große, grüne Oliven. Ein Prosecco Valdobbiadene. Erst Ravioli mit Kürbisfüllung. Dann Gnocchi, gefüllt mit Gorgonzola. Olivenöl! Rotwein! Wasser im »Volumen,«! Sogar Dessert haben wir. Tiramisu mit frischen Erdbeeren.

War es eine Einschränkung, die zwei Wochen, nur mit diesen zwölf Stücken? Nein, eigentlich nicht. Wein werde ich künftig wohl dennoch meist aus Gläsern trinken, aber dieses Geschirr ist ja nicht ausschließlich gemeint, will kein tyrannisches sein. Sondern es will einfach gerne verwendet werden. Und die Wortpartikel aus der »Großen ungeordneten Aufzählung« darauf öffnen es auch in die Sprache, ein Spiel mit Erinnerung, Erwartung und Fantasie. So hat auch jedes Stück seinen Namen. Du greifst zu »ein Gefäß,« zu »Inhalt,«, »Volumen,« oder »Grundlage, Gesellschaft,«. Du trinkst, du isst, und du hast vielleicht dabei auch diese Worte auf der Zunge, die sich weitersprechen in deinen jeweils ganz eigenen Text.

Zwei Details aus »Große ungeordnete Aufzählung«, die hiermit erstveröffentlicht wurden – nicht etwa in einer Zeitschrift oder als Buch, sondern auf Geschirr – zwei Editionen in Uli Aigners One Million in einer Serie von zehn Stücken und einer von zwei.

»ein Gefäß, Schluck, Inhalt, nicht zu voll, die Leere vermeiden, angelegte Lippen, die Flüssigkeit, über den Rand, Handhabung eines Behältnisses, Volumen,«

»Grundlage, Gesellschaft, die Ebene, eine Möglichkeit,«

Und die Kommata jeweils am Schluss? Die zeigen, dass es weiter geht! Dass der Text nicht am Ende ist! Dass das nächste Gericht bestimmt kommt! Ein Gedicht hoffentlich!

Nikolai Vogel

(29.06.-12.07.2022)