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TAMAD - FREUNDE DES TEL AVIV MUSEUM OF ART, DEUTSCHLAND
HALLE IST ÜBERALL. STIMMEN JÜDISCHER FRAUEN.
EDITION NECHA ZUPNIK - KIDDUSH BECHER - JUDAICA

Datum: 4. Mai, 2022, 19 Uhr
Location: OMZB - One Million Zentrale Berlin, Brandenburgische Str. 43, 10707 Berlin
www.tamad.org



Mein Vater Jacobi Weissberg seligen Angedenkens war in großer Ehrfurcht und Liebe an seine Mutter Necha Zupnik seligen Angedenkens gebunden, die laut seinen Schilderungen eine warmherzige, ruhige, starke Frau war und die ihn zeitlebens beschützt hatte.

1941, kurz vor dem Pogrom in Lemberg hatte sie ihn angefleht, zu fliehen. Er versteckte sich zusammen mit seinem Bruder Leiwe seligen Angedenkens in den nahen gelegenen Wäldern. Als beide Brüder zwei Wochen später, nach dem Pogrom, nach Lemberg zurückkehrten, um ihre Mutter zu suchen, erfuhren sie, dass deutsche Wehrmachtssoldaten und SS-Kräfte der Einsatzgruppe C mit Hilfe ukrainischer und polnischer Nationalisten jüdische Menschen erschossen und in Straßengräben verscharrt haben.

Als mein Vater an solch einem Straßengraben stand, „atmete die Erde, so wie ein Mensch atmet“, erzählte er mir, als er mit neunzig Jahren sein jahrzehntelanges Schweigen brach. Denn unter der darüber geworfenen Erdschicht sind auch Angeschossene begraben, die sich noch bewegen, nach Luft schnappen und versuchen, sich nachts herauszuwühlen.

Die Vorstellung, dass darunter auch seine geliebte Mutter lag, quälte ihn zeitlebens. Mein Vater hat immer darunter gelitten, dass er ohne seine Mutter geflohen ist. Auf einem einzig geretteten Foto, das er besaß, war meine Großmutter Necha abgebildet. In seinen letzten Stunden gaben ihm das Abbild seiner Mutter, sein handgeschriebener Zettel, den er an G’tt gerichtet hatte und sein rotes Kabbalah- Armband Trost.

„Askenasische Juden geben ihren Kindern traditionsgemäß die Namen ihrer verstorbenen Verwandten. Die israelische Psychotherapeutin Dina Wardi bezeichnet Kinder, die nach den in der Shoah ermordeten Eltern oder Geschwistern benannt werden als „lebende Gedenkkerzen“

Mein Vater nannte mich Nea in Erinnerung an seine Mutter Necha Zupnik.

- Nea Weissberg, 2022

EDITION NECHA ZUPNIK - KIDDUSCH BECHER - JUDAICA



Lesung aus dem Buch "Halle ist überall. Stimmen jüdischer Frauen" mit Nea Weissberg und Maya Zehden.

Nea Weissberg, Publizistin, Pädagogin und cand. Director of Pychodrama, gründete 1993 den Lichtig Verlag, in dem sie Literatur zur jüdischen Gegenwart und Geschichte herausbringt. Ihr besonderes Anliegen als Verlegerin und Herausgeberin gilt der Förderung des Dialogs zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen.

Der Anschlag an Yom Kippur 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag, auf die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle (Saale) K.d.ö.R. hatte für Juden und Jüdinnen in Deutschland eine ganz besondere Dimension. Die Betenden in der Synagoge wollten der Heiligkeit des Versöhnungstages gedenken – aber das Attentat mit seiner zerstörerischen Gewalt rief bei einigen Assoziationen hervor, die an den 9. November 1938 oder an die Shoah erinnern.

An der Anthologie „Halle ist überall“ beteiligen sich 20 Frauen und äußern sich zu ihrer Sorge, Angst und Empörung an jenem Tag, dem 9. Oktober 2019, und über ihre Familien und ihr Leben, das in irgendeiner Form mit Antisemitismus in Berührung kam. Die Vielfalt ist groß: Die Autorinnen haben verschiedene Berufe und politische Haltungen und auch ihre religiösen Einstellungen zum Judentum sind unterschiedlich.

Maya Zehden, Journalistin, ist eine der zwanzig Autorinnen. Sie ist in Berlin geboren als Tochter einer Holocaustüberlebenden. Sie hat zwei Kinder und ein Enkelkind. Sie war stets mit dem Thema Israel und Judentum verbunden. Seit 1999 ist sie Mitglied, seit 2000 im Vorstand und seit 2014 im Präsidium der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.



Wir danken herzlich Uli Aigner für die wiederholte Ausrichtung einer TAMAD-Veranstaltung sowie der Verlegerin Nea Weissberg für Ihre immerwährende Unterstützung. - TAMAD